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28.05.2026

Zwischen Disco und Beton

Alltag Jugendlicher in deutschen Grosssiedlungen

Von 1965 bis 1972 entstand in der Bundesrepublik Deutschland eine Reihe von Grosssiedlungen für bis zu rund 20'000 meist junge Bewohnerinnen und Bewohner. Die «Betonburgen» hatten schnell ein schlechtes Image, galten als miese Adresse mit Kriminalität, Arbeitslosigkeit, verschmutzt, voll von vereinsamten, ja depressiven Menschen, beispielsweise den so genannten «Grünen Witwen», einsamen Frauen, die ohne Beschäftigung waren, wenn ihre Ehemänner auswärts zur Arbeit gingen.

Kinder und Jugendliche würden «herumlungern», die Schule schwänzen, sich in Vandalismus üben, durch Lärm stören. Organisationen wie das «Deutsche Rote Kreuz» oder die Kirchen reagierten schnell, indem sie versuchten, funktionierende, solidarische Nachbarschaften aufzubauen, Treffpunkte anzubieten, Räume für Kontake zu schaffen.

Ihr Ziel war es, Demokratisierung und Partizipation anzukurbeln, ganz im Sinne Willy Brandts, der in seiner Antrittsrede als Bundeskanzler im Jahre 1969 den berühmten Slogan prägte: «Mehr Demokratie wagen.»

Während für Frauen, Seniorinnen und Senioren oder auch Kinder bald gewisse Angebote bestanden, auch durch die Bewohnerinnen in Eigeninitiative geschaffen, hatten es Jugendliche schwerer, wie die Historikerin Swenja Hoschek in ihrer sehr interessanten Untersuchung über die beiden Grosssiedlungen Darmstadt-Kranichstein und Hamburg-Osdorfer Born bemerkt hat.

Für sie gab es mit der Zeit immerhin ab und zu eine «Jugend-Disco» in einem zum Partyraum umfunktionierten Wäsche- oder Trockenraum. Kommerzielle Anbieter von Gastlichkeit gab es in beiden Grosssiedlungen eigentlich genug. Doch hatten Jugendliche kaum Geld, um sich in Kneipen, Restaurants oder in Imbissen aufzuhalten. Diese schlossen in der Regel bereits um 22.30 Uhr, was für abenteuerdurstige junge Menschen früh war. Manche Anwohnerinnen und Anwohner störten sich zudem am Lärm, den Jugendliche machten.

Restaurants waren eher Treffpunkte bestimmter (Berufs-)Gruppen. Das einzige Restaurant Darmstadt-Kranichstein wurde nach den Sitzungen gerne von den Mitgliedern der «Interessensgemeinschaft Kranichstein» (IGK) aufgesucht. Diese reagierte auf Mängel, informierte die Bewohnerschaft in der Stadtteilzeitung und vertrat die Grosssiedlung gegen aussen. Dort, beim «Griechen», konnte man auch essen und länger verweilen und Informationen austauschen.

Eine Jugendliche vermisste indessen eine Kneipe, «wo man sich treffen und diskutieren kann». Nicht jedes Wirtshaus erfüllte diese Funktion für jede Klientel, allein schon vom Interieur her. So wurde das Angebot an Gastlichkeit in beiden von Hoschek untersuchten Stadtteilen oftmals als unzureichend beschrieben. Es fehle beispielswese eine moderne Bar, ein Zeichen für generell fehlende «Urbanität» genauso wie beispielsweise die Absenz von Läden zum Shoppen.

Die Imbisse und Restaurants waren rein funktional eingerichtet, ohne Flipper, Billard oder «Töggelikasten». Deshalb luden sie kaum zum längeren Verweilen ein, zudem herrschte wohl Kaufzwang.

Ein weiterer monierter Punkt waren ziemlich häufige Nutzungskonflikte zwischen Erwachsenen und Jugendlichen. Jugendliche würden in Wirtshäusern bisweilen «randalieren». Die evangelische Kirche reagierte, indem sie ihre Räumlichkeiten mit Getränkeverkauf ausstattete oder ein Kaffee-Angebot einrichtete. Diese war auch kommunikationsfördernd für die Nachbarschaft.

Literatur: Hoschek, Swenja. Zwischen Stigma und Alltag. Nachbarschaft, Zivilgesellschaft und Image von Grosssiedlungen in den 1970er Jahren. Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2026.

Dr. phil. Fabian Brändle, Wil SG, Historiker und Volksschriftsteller

Bild: Franz Steiner Verlag


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